So verwandelst Du „problematisches Verhalten“ in wertvolle Charaktereigenschaften
Kennst Du das? Dein Kind wird als „störrisch“, „unkonzentriert“ oder „zu sensibel“ bezeichnet – von Lehrern, anderen Eltern oder vielleicht sogar von dir selbst in Momenten der Frustration. Diese Etiketten können schwer wiegen und uns den Blick auf das Besondere in unserem Kind verstellen.
Was wäre, wenn ich dir sage, dass genau diese vermeintlichen Schwächen oft verkannte Stärken sind? Dass hinter dem „widerspenstigen Verhalten“ vielleicht ein selbstständiger Denker steckt und hinter der „Überempfindlichkeit“ ein besonders empathischer Mensch?
In diesem Artikel zeige ich dir, wie du mit einem Perspektivwechsel die besonderen Qualitäten deines Kindes neu entdecken kannst – besonders wenn es mit Lernherausforderungen wie LRS oder Dyskalkulie zu kämpfen hat.
Warum wir Verhaltensweisen oft falsch interpretieren
Bevor wir in die Umdeutung einsteigen, lass uns kurz verstehen, warum wir bestimmte Verhaltensweisen überhaupt als „problematisch“ wahrnehmen:
- Unser Bildungssystem bevorzugt bestimmte Lerntypen – ruhige, angepasste Kinder haben es oft leichter als kreative Querdenker
- Stress und Zeitdruck lassen uns schnell urteilen, statt hinter das Verhalten zu schauen
- Eigene Erziehungserfahrungen prägen unseren Blick – oft unbewusst
- Bei Lernherausforderungen wie LRS entstehen Kompensationsstrategien, die als „schwieriges Verhalten“ missverstanden werden
Ein wichtiger Grundsatz, den ich in meiner Arbeit mit Kindern mit Lernherausforderungen immer wieder betone:
„Mein Kind macht es mir nicht schwer – mein Kind hat es gerade schwer!“
Das Eisberg-Modell: Was wir sehen versus was wirklich ist
Stell dir das Verhalten deines Kindes wie einen Eisberg vor. Die Spitze über Wasser – das ist alles, was wir sehen. Aber der größte Teil liegt unter der Oberfläche verborgen.
🔼 Über der Wasserlinie (sichtbares Verhalten)
- Treten, schreien, schlagen, beißen
- Wegschieben, wegnehmen von Gegenständen
- Weinen, verstecken, Verweigerung
- Zusammenbrüche, weglaufen
🔽 Unter der Wasserlinie (unsichtbare Ursachen/Bedürfnisse)
- Grundbedürfnisse: Hunger, Durst, Müdigkeit
- Emotionale Bedürfnisse: Aufmerksamkeit, Sicherheit
- Sensorische Überforderung: Überreizung, sensorische Bedürfnisse
- Fehlende Fähigkeiten: Kommunikationsprobleme, mangelnde Selbstregulation
- Entwicklungsbedingte Herausforderungen: Geringe Frustrationstoleranz, Schwierigkeiten beim Erkennen von Emotionen, geringer Selbstwert
- und noch vieles mehr
Die Kernbotschaft ist klar: Was wir als störendes Verhalten wahrnehmen, ist meist nur die Spitze des Eisbergs. Die eigentlichen Gründe liegen tiefer – und genau dort müssen wir ansetzen.
Das Eisberg-Modell zeigt uns: Was wir im Alltag sehen, ist oft nur ein kleiner Ausschnitt der ganzen Geschichte. Doch wenn wir lernen, hinter die Fassade zu blicken und die tieferen Bedürfnisse zu erkennen, sind wir bereit für den nächsten Schritt: Aus scheinbaren Schwächen echte Stärken zu machen. Denn jedes Verhalten, das uns herausfordert, birgt zugleich eine wertvolle Ressource – wir müssen sie nur entdecken und fördern.
In meiner Arbeit mit Familien erlebe ich immer wieder: Erst wenn wir den Eisberg unter der Wasserlinie ernst nehmen, gelingt es, aus Herausforderungen Chancen für Entwicklung und Selbstvertrauen zu machen.
Die Kunst der Umdeutung: Von Schwäche zu Stärke
Hier sind einige der häufigsten „Problemverhaltensweisen“ und wie Du sie positiv umdeuten kannst:
Widerspruch und Trotz → Selbstständiges Denken und Dialogfähigkeit
Wenn dein Kind häufig widerspricht, sieh es nicht als Respektlosigkeit, sondern als Zeichen eines aktiven, hinterfragenden Geistes. Diese Kinder:
- Entwickeln eine starke innere Stimme
- Lassen sich nicht leicht manipulieren
- Werden später oft innovative Denker und Führungspersönlichkeiten
Praktischer Tipp: Statt „Hör auf zu widersprechen!“ versuche „Ich finde es spannend, wie Du das siehst. Erkläre mir deine Gedanken.“
Ständiges Fragen → Tiefgründiges Denken und Wissensdurst
Das Kind, das „Warum? Warum? Warum?“ fragt, kann anstrengend sein – zeigt aber einen natürlichen Forschergeist, der gefördert werden sollte.
Praktischer Tipp: Führe „Forscherfragen-Zeiten“ ein, in denen ihr gemeinsam Antworten sucht. Oder antworte mit: „Was denkst du denn, warum das so ist?“
Nörgeln und Kritisieren → Kritisches Denken und Qualitätsbewusstsein
Kinder, die ständig etwas zu bemängeln haben, entwickeln oft ein feines Gespür für Verbesserungspotenzial und Qualität.
Praktischer Tipp: „Du hast ein gutes Auge für Details. Wie könnten wir das verbessern?“
Selbstständigkeit bis zur Sturheit → Autonomie und Durchhaltevermögen
Das Kind, das partout keine Hilfe annehmen will, zeigt ein starkes Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit – eine wertvolle Eigenschaft!
Praktischer Tipp: Biete „unsichtbare Hilfe“ an: „Ich bin hier, wenn du mich brauchst. Du schaffst das!“
Unaufmerksamkeit und Träumerei → Kreativität und innerer Reichtum
Besonders bei Kindern mit LRS oder Dyskalkulie wird Ablenkbarkeit oft als Problem gesehen. Dabei kann sie Ausdruck eines reichen Innenlebens sein.
Praktischer Tipp: Gib dem Kind Raum für seine Gedankenwelt: „Was hast du dir gerade vorgestellt?“ und schaffe klare Strukturen für Konzentrationsphasen.
Besonders bei Lernherausforderungen: Den Blick auf die Stärken richten
Für Kinder mit Lernherausforderungen wie LRS oder Dyskalkulie ist die positive Umdeutung besonders wichtig. Ihre Kompensationsstrategien werden oft missverstanden:
- Das „faule“ Kind → schützt sich vor weiteren Misserfolgen
- Das „unkonzentrierte“ Kind → kämpft mit Reizüberflutung
- Das „aggressive“ Kind → drückt Frustration über nicht verstandene Schwierigkeiten aus
In meiner Arbeit mit Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche und Dyskalkulie sehe ich immer wieder, wie entlastend es für die ganze Familie ist, wenn das Verhalten neu interpretiert wird. Plötzlich wird aus dem „störrischen Verweigerer“ ein Kind, das seine Grenzen kennt und Schutzstrategien entwickelt hat.
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Die Zahlen sprechen für sich: LRS und Dyskalkulie betreffen viele Familien
Die Herausforderungen, über die wir sprechen, sind keine Seltenheit. Aktuelle Studien zeigen:
- Etwa 4-10% aller Schulkinder in Deutschland sind von Lese-Rechtschreib-Störungen betroffen – das sind bis zu 1 Million Kinder
- Bei Dyskalkulie liegt die Zahl bei 3-7%, also bis zu 700.000 Kindern
- Die Corona-Pandemie hat diese Zahlen weiter ansteigen lassen, besonders bei Erst- und Zweitklässlern aus den Jahren 2020/21
Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Kind mit einzigartigen Stärken – und eine Familie, die oft im Dunkeln tappt, wie sie am besten helfen kann.
Drei Fragen für deinen Perspektivwechsel
Um dein Kind neu zu entdecken, stelle dir regelmäßig diese drei Fragen:
- Wie lernt mein Kind am besten? (Visuell, auditiv, bewegen & fühlen?)
- Welche Stärken hat mein Kind? (Auch die versteckten!)
- Welche Herausforderungen hat mein Kind? (Statt „Schwächen“)
Die Neuroplastizität nutzen: Veränderung ist immer möglich
Eine wichtige Erkenntnis der modernen Hirnforschung ist: Das Gehirn lernt niemals aus. Es ist ein Netzwerk, das sich ständig verändert. Das bedeutet:
- Kein Verhalten ist in Stein gemeißelt
- Positive Umdeutung verändert auch die neuronalen Verbindungen
- Dein Glaube an dein Kind beeinflusst seine Entwicklung maßgeblich
Konkrete Umdeutungen für den Alltag
Hier findest du eine praktische Übersicht, wie du weitere typische „Problemverhaltensweisen“ neu interpretieren kannst:
- lässt sich nicht helfen → starkes Bedürfnis nach Selbstständigkeit
- missachtet Anweisungen → erprobt Grenzen und handelt autonom
- egoistisch → stark im Wahrnehmen eigener Grenzen und achtet sie
- macht Quatsch/stört → bringt Humor und sucht soziale Resonanz
- spielt lieber allein → kann sich gut und kreativ alleine beschäftigen
- hört nicht zu → stark innenorientiert, nimmt Reize differenziert wahr
- langsam → arbeitet sorgfältig im eigenen Tempo
- unangepasst → handelt authentisch, mutig, eigenständig
- stur/trotzig → vertritt eigene Meinung, zeigt Willensstärke und Ausdauer
- faul/antriebslos → hat ein Gespür für Pausen, handelt energieschonend
- ängstlich/schüchtern → beobachtet genau und hört anderen gut zu, achtsam
- laut/überdreht → präsent und lebhaft
- wütend/aufbrausend → emotionsstark, ausdrucksfreudig
- perfektionistisch → detailorientiert und sorgfältig
Hinter die Fassade schauen: Der 5-Schritte-Prozess
Wenn dein Kind schwieriges Verhalten zeigt, hilft dir dieser Prozess, zur positiven Umdeutung zu gelangen:
- Hinter die Fassade der Wut blicken: „Ich merke, dass das gerade richtig schwer für dich ist.“
- Bestätigung suchen: „Wenn sich etwas so schwer anfühlt, dann will man es einfach nicht machen, gell?“
- Empathie zeigen: „Ich weiß, mein Schatz, ich kenne das so gut!“
- Sicherheit geben: „Das Geheimnis ist: obwohl sich diese Sache so super schwer anfühlt und du wirklich denkst ‚Das KANN ich einfach nicht‘, verspreche ich dir: Du kannst es NOCH nicht.“
- Unterstützung anbieten: „Du brauchst jetzt ein bisschen Zeit und ein bisschen Übung. Wir werden es mit einer anderen Strategie versuchen!“
Deine wichtigste Aufgabe: An dein Kind glauben!
Der Dalai Lama sagte einmal: „Glaube an deine Kräfte. Wenn du an deine Stärke glaubst, wirst du täglich stärker.„
Dasselbe gilt für dein Kind. Dein unerschütterlicher Glaube an seine Fähigkeiten ist der Nährboden, auf dem Selbstvertrauen wachsen kann – besonders wenn Lernherausforderungen wie LRS oder Dyskalkulie den schulischen Alltag erschweren.
Und vergiss nicht: Was wir über unsere Kinder denken, müssen wir nicht mal aussprechen – sie wissen es sowieso. Daher achte auf Deine Gedanken. Sie sind mächtiger, als du vielleicht ahnst.
Fazit: Der Blickwechsel verändert alles
Die Art, wie wir das Verhalten unserer Kinder interpretieren, hat enormen Einfluss auf ihre Entwicklung und unser Familienleben. Indem wir vermeintliche Schwächen als verkannte Stärken erkennen, schaffen wir einen Raum, in dem sich unsere Kinder mit all ihren einzigartigen Eigenschaften entfalten können.
Besonders bei Kindern mit Lernherausforderungen wie LRS oder Dyskalkulie kann dieser Perspektivwechsel entscheidend sein – er entlastet nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie.
Hinterfrage immer wieder, was du über dein Kind zu wissen glaubst. Mach dir ein eigenes, neues Bild. Und vor allem: Glaube an die Fähigkeiten deines Kindes, auch wenn der Weg manchmal steinig erscheint.
Denn jedes Kind ist einzigartig, und in jedem vermeintlichen Problem schlummert eine Stärke, die nur darauf wartet, entdeckt zu werden.
FAQ: Häufig gestellte Fragen
Wie unterscheide ich zwischen Verhalten, das umgedeutet werden kann, und echten Problemen?
Achte auf Muster und Kontext. Wenn das Verhalten nur in bestimmten Situationen auftritt (z.B. bei Hausaufgaben), ist es oft eine Reaktion auf eine Überforderung. Bei durchgängigen, situationsübergreifenden Verhaltensauffälligkeiten kann eine professionelle Beratung sinnvoll sein.
Wie erkläre ich Lehrern oder anderen Betreuungspersonen diesen Ansatz?
Teile konkrete Beispiele, wie bestimmte Verhaltensweisen deines Kindes positiv umgedeutet werden können. Betone, dass es nicht um Ausreden geht, sondern um ein tieferes Verständnis, das letztlich zu besseren Lösungen führt.
Kann ich als Elternteil wirklich etwas bewirken, wenn mein Kind in der Schule bereits „abgestempelt“ ist?
Absolut! Als Elternteil bist du der wichtigste Anwalt deines Kindes. Deine veränderte Sichtweise wird nicht nur zu Hause spürbar, sondern kann auch den Dialog mit der Schule verändern. Zudem spürt dein Kind deinen Glauben an seine Fähigkeiten.
Wie lange dauert es, bis sich durch die positive Umdeutung Veränderungen zeigen?
Erste Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung können bereits nach wenigen Tagen spürbar sein. Die tiefgreifende Entwicklung des Selbstbildes deines Kindes ist ein Prozess, der Zeit braucht – aber jeder positive Moment zählt.
Funktioniert dieser Ansatz auch bei Kindern mit diagnostizierten Lernstörungen wie LRS oder Dyskalkulie?
Gerade bei Kindern mit Lernherausforderungen ist der Perspektivwechsel besonders wichtig. Er hilft, zwischen der Lernstörung und dem Kind selbst zu unterscheiden und seine einzigartigen Stärken zu erkennen, die oft durch die Diagnose überschattet werden.
Möchtest Du mehr darüber erfahren, wie du dein Kind mit Lernherausforderungen optimal unterstützen kannst?
Entdecke unsere speziell entwickelten Trainings für Kinder mit LRS und Dyskalkulie, die genau bei den neurologischen Ursachen ansetzen und gleichzeitig das Selbstvertrauen stärken.
Ich freue mich auf euch.
Herzlichst
Eure Christine
